Aktuelles

24.02.2026

Umkehr als Mut zur Veränderung

 

Vor dem Hintergrund des aktuellen Transformationsprozesses  möchten wir Ihnen die Gedanken der Predigt an Aschermittwoch von Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, Katholische Akademie Schwerte, als Impuls zur Verfügung stellen:

 

Predigt zum Aschermittwoch – 18. Februar 2026 – Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, Katholische Akademie Schwerte

Umkehr als Mut zur Veränderung

(zum Evangelium: Mt 6,1-6.16-18)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

während der zurückliegenden Karnevalstage, die ich (gegen den Trend) in Berlin verbracht habe, nahm mich ein Mauersegment der East Side Gallery, einem über einem Kilometer langen künstlerisch gestalteten Rest der Berliner Mauer, regelrecht gefangen. Zwischen den vielschichtigen Bildern und politischen Kommentaren findet sich ein Satz des Dichters Erich Fried:

„Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

Ein Satz von eigentümlicher Logik. Er legt offen: Wirkliches Bleiben ist ohne Wandlung nicht möglich. Was nicht bereit ist, sich zu verändern, verliert seine Zukunft.
Dieser Gedanke berührt für mich den Kern des heutigen Tages. Aschermittwoch konfrontiert uns mit der Endlichkeit – „Staub bist du“ – und zugleich mit der Freiheit zur Umkehr. Christlicher Glaube ist nie Bewahrung um jeden Preis. Er ist lebendige Tradition – Weitergabe im Wandel. Bleibende „Transformation“.

Wenn wir möchten, dass unser Glaube bleibt, dass unsere Beziehungen tragen, dass unsere Gesellschaft menschlich und unsere Kirche christlich bleibt, dann genügt es nicht, den Status quo zu konservieren. Leben ist dynamisch. Auch das geistliche Leben.

Das Evangelium des Aschermittwochs führt uns in eine erstaunliche Nüchternheit. Jesus spricht von drei religiösen Grundvollzügen: Almosen, Gebet, Fasten. Aber sein eigentliches Thema ist nicht die Praxis, sondern die dahinterstehende Absicht des Handelns. Nicht das Sichtbare, sondern das Dahinter, das Verborgene ist entscheidend. Jesus kritisiert dabei nicht das Tun, sondern die Inszenierung. Nicht die Frömmigkeit, sondern ihre Instrumentalisierung.

„Euer Vater, der auch das Verborgene sieht“, heißt es da (V. 4). Das ist eine theologische Tiefenbohrung: Gott interessiert nicht die Oberfläche unserer Performanz, sondern die Wahrheit unseres Herzens.

Umkehr heißt in diesem Sinn nicht zuerst moralische Korrektur, sondern Neu-Ausrichtung der inneren Koordinaten. Weg von der Frage: Wie wirke ich? – hin zur Frage: Woraus lebe ich? Und schließlich auch, einen Schritt weitergehend: Wer bin ich?

Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr unserer Zeit – auch in gebildeten Milieus: dass wir hervorragend reflektieren, analysieren, argumentieren – und doch innerlich stehen bleiben. Dass wir Debatten führen, ohne uns selbst in Frage zu stellen. Dass wir Strukturen kritisieren, aber unsere eigenen Routinen unangetastet lassen. Erich Frieds Satz lässt sich existenziell zuspitzen: Wer will, dass er selbst so bleibt, wie er ist, der will nicht, dass er als lebendiger Mensch bleibt.

Aschermittwoch unterbricht die Selbstverständlichkeit unseres Alltags. Er stellt uns in einen Raum der Entscheidung. Nicht dramatisch. Aber ernsthaft.

Schwestern und Brüder,
ich möchte in diesem Sinne zwei konkrete Impulse für diese Fastenzeit vorschlagen – schlicht, aber durchaus anspruchsvoll.

Zum einen:

Eine Praxis der diskreten Solidarität

Jesus spricht vom Almosen (V. 2ff.). Übersetzt in unsere Lebenswelt könnte das heißen: eine bewusste, nicht kommunizierte Form der Solidarität üben.

Vielleicht entscheiden wir uns in den kommenden Wochen für eine Form des Gebens, die niemand bemerkt.

○ Eine regelmäßige Unterstützung.

○ Ein Engagement ohne öffentliche Sichtbarkeit. Anders ausgedrückt: Wir müssen nicht alles in sozialen Netzwerken posten, was wir an Gutem tun…

○ Ein Gespräch mit einem Menschen, der sonst am Rand bleibt.

Gerade in einer Kultur der Sichtbarkeit ist das Verborgene ein Akt geistlicher Freiheit. Wir lösen uns für einen Moment vom Bedürfnis nach Resonanz und handeln aus Überzeugung. Denn: Umkehr im Sinne Jesu geschieht nicht im Scheinwerferlicht und im Pathos, sondern in der stillen Konsequenz und Nüchternheit des Alltags.

Und ein Zweites:

Ein täglicher Moment der Ehrlichkeit vor Gott

„Geh in deine Kammer“, sagt Jesus zu seinen Jüngern (V. 6). Das ist keine Weltflucht, sondern eine Einladung zum bewussten Rückzug und zur Sammlung.

Vielleicht nehmen wir uns in dieser Fastenzeit jeden Tag fünf Minuten – nicht zur Lektüre, nicht zur Vorbereitung, nicht zur Analyse –, sondern zum Gegenwärtig-Sein.

Einfach da sein vor Gott. Ohne Argument. Ohne Rolle. Ohne Selbstrechtfertigung.

Vielleicht nur mit einer einzigen Frage: „Was in mir darf nicht so bleiben (wie es ist)?“

Diese Frage kann unbequem sein. Aber sie bewahrt uns vor innerer Erstarrung. Sie öffnet einen Raum, in dem Gott wirken kann – jenseits unserer Selbstdeutung und Selbstrechtfertigung.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Die Asche, die ich Ihnen und mir gleich auflege, ist ein Zeichen der Vergänglichkeit. Aber sie ist zugleich ein Symbol der Möglichkeit. Denn aus Asche kann Neues wachsen.

Umkehr ist kein Rückschritt. Sie ist die Bedingung des Bleibens. Nicht alles muss anders werden. Aber Entscheidendes darf sich erneuern. Das sollten wir auch bedenken, wenn wir in diesen Zeiten gesellschaftliche und kirchliche Transformationsprozesse erfahren, die uns mitunter an Grenzen führen…

Wer will, dass die Welt, unsere Kirche – und das eigene Leben – bleibt, der darf nicht wollen, dass alles bleibt, wie es ist.

Vielleicht beginnt Veränderung heute nicht mit einem großen Entschluss, sondern mit einer kleinen Verschiebung im Herzen:
○ Ein Akt verborgener Liebe.

○ Ein Moment ehrlicher Gegenwart vor Gott.

Mehr braucht es oft nicht, damit Leben bleibt und wächst. Amen.

 

Predigttext: Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer, Katholische Akademie Schwerte

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